Arche Noah Zoo Grömitz

Vabanquespiel

  

Ende März 2012 wurden vier Schimpansen aus dem „Schwabenpark“ bei Stuttgart an den „Arche Noah Zoo“ in Grömitz an der Ostsee verscherbelt. Die beiden bisher in Grömitz gehaltenen Schimpansen sollten - rechtzeitig zu Beginn der Osterferien - publikums- wirksame Gesellschaft bekommen. Zudem ist offenbar an Nachzucht gedacht: Zoodirektor Ingo Wilhelm spricht von einer letztlich 14-köpfigen Schimpansengruppe auf seiner neu errichteten Affenanlage.

 

Gleichwohl es durchaus wünschenswert ist, die beiden Grömitz-Schimpansen in eine größere Gruppe zu integrieren - sofern und solange sie in der Gefangenschaft eines Zoos gehalten werden, ist Gruppenhaltung besser als Einzelhaltung - und dies prinzipiell auch möglich ist, ist die Vergesellschaftung gerade dieser Tiere ausgesprochen risikobehaftet.

 

Die beiden betagten Schimpansen des Arche Noah Zoos (Michael und Judy) wurden jahrzehntelang unter indiskutablen Bedingungen gehalten. Sie sind beide schwer verhaltensgestört, insbesondere Judy weist eine Vielzahl massiver Hospitalismussymptome auf. Aufgrund ihrer lebenslangen Isolationshaltung dürfte die Sozialkompetenz der beiden Schimpansen im Umgang mit fremden Artgenossen gegen Null tendieren. Sie haben in dem neugebauten Affenhaus des Zoos, das, zusammen mit einer neuerstellten Freianlage, eine unbestreitbare Verbesserung der Haltungsbedingungen darstellt, ihre Verhaltensauffälligkeiten nicht abgelegt. Vermutlich werden sie das aufgrund der traumatisierenden Erfahrungen ihres bisherigen Lebens auch nie mehr tun.

 

Die vier nunmehr nach Grömitz verbrachten Schimpansen (Susi, Bubi, Sigi und Nina) entstammen dem sogenannten „Schwabenpark“, einem Amusementpark nahe Stuttgart, der neben Achterbahnen, Riesenrädern und sonstigen Fahrgeschäften auch einen Zoo mit 47 Schimpansen vorhält. Die nachgezüchteten Jungtiere werden in der Regel handaufgezogen, um sie für den parkeigenen Zirkusbetrieb auf den Menschen zu konditionieren. Mit Eintritt in die Pubertät werden die dann für zirzensische Zwecke nicht mehr brauchbaren Jungaffen in den Zoobetrieb eingegliedert oder aber - wie jetzt im Falle Grömitz - veräußert. Wesentlich ist, dass die Schwabenpark-Schimpansen durch die frühe Prägung auf den Menschen und die Zirkusdressur, der sie über Jahre ausgesetzt waren, nur in sehr eingeschränktem Maß über artspezifisches Sozialverhalten verfügen. Umgang mit fremden Artgenossen kennen sie nicht, auch ihre Sozialkompetenz tendiert insofern gegen Null.

 

Die beiden sozialinkompetenten Gruppen nun aufeinander „loszulassen“ birgt völlig unkalkulierbare Risiken in sich. Es wäre denkbar, dass die beiden Grömitz-Schimpansen von den möglicherweise als „Gang“ auftretenden, weil einander bekannten Schwabenpark-Schimpansen „gemobbt“ werden, es könnte zu schweren Verletzungen kommen, letztlich wäre es sogar denkbar, dass die nicht nur zahlenmäßig sondern auch an Körperkraft weit unterlegenen Grömitz-Schimpansen von den Schwabenpark-Schimpansen getötet werden. Um es zu wiederholen: die Schwabenpark-Schimpansen sind keine gewöhnlichen Zoo-Schimpansen mit eingeschränkter Sozialkompetenz, sondern handaufgezogene Zirkus-Schimpansen mit überhaupt keiner artspezifischen Sozialkompetenz. Sie sind, aus ihrem bisherigen und für sie gewohnten Kontext gerissen, völlig unberechenbar; und sie bleiben dies auch auf unabsehbare Zeit.

 

Das Risiko, dass die beiden Grömitz-Schimpansen zu Schaden kommen, ist hoch. Es muss nicht zu Problemen kommen, aber bei der beschriebenen Ausgangslage ist es nicht unwahrscheinlich, dass es Probleme gibt, die bei den enormen Körperkräften der Schimpansen sehr schnell außer Kontrolle geraten können.

 

Inwieweit Direktor Ingo Wilhelm vor dem Transfer der Schimpansen primatologischen Sachverstand zu Rate gezogen hat, ist unbekannt. Es ist auch nicht bekannt, wie genau er sich die Zusammenführung der beiden Gruppen überhaupt vorstellt: ein Vabanquespiel, dessen Einsatz allemal von den Schimpansen zu tragen ist.

 

Colin Goldner

in: Tierbefreiung, 75, Mai 2012