Expetengespräch B90/DIE GRÜNEN

 

 

Büro Undine Kurth MdB

 

Schutz der Großen Menschenaffen verbessern!

 

Am 21. Januar 2013 führte die Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN unter der Leitung von Undine Kurth, tierschutzpolitische Sprecherin, ein Expertengespräch zum Thema „Grundrechte für Menschenaffen?“ durch.

 

[Protokoll]

 

In Deutschland werden in 38 Zoos zirka 450 Große Menschenaffen (Schimpansen, Bonobos, Gibbons, Orang-Utans und Gorillas) gehalten. Zirka ein Drittel der Haltung wird von Tierschutzverbänden als inakzeptabel angesehen.

 

Stand der internationalen Debatte

 

Dr. Colin Goldner (Great Ape Project) gab einen Überblick über die bereits seit zwanzig Jahren arbeitende Initiative, den Menschenaffen Grundrechte zuzuerkennen. Dabei stehen das Recht auf Leben, Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Freiheit im Fokus der Diskussion. Durch die Zuerkennung dieser Grundrechte würden Tierversuche mit Menschenaffen nicht mehr möglich sein, auch die Verpflichtung die Lebensräume der Affen zu erhalten, würde stärker als bisher zur politischen und gesellschaftlichen Aufgabe werden. Das Recht auf Freiheit wird besonders kontrovers diskutiert, da die Frage zu stellen ist, ob Menschenaffen durch die Zuerkennung dieses Grundrechts überhaupt noch in menschlicher Obhut gehalten werden können. Goldner stellte auch dar, dass eine Haltung von Menschenaffen in klimatisch nicht geeigneten Regionen (wie Mittel- und Nordeuropa) nur unter großen Einschränkungen für die Tiere (da sie fast ganzjährig in einem Warmhaus leben müssten) umgesetzt werden könne. Daher wäre seiner Meinung nach eine Haltung in menschlicher Obhut nur in dafür geeigneten Klimazonen (Mittelmeerraum, Indonesien, Afrika, Südamerika) möglich. Die Zuerkennung von Grundrechten würde auf jeden Fall bedeuten, dass sich die Haltungsbedingungen der Menschenaffen in den deutschen und europäischen Zoos gravierend verbessern müssten. Nötig wäre es, Auffangstationen zu bilden, die auch Affen aus privater Haltung aufnehmen können.

 

Dr. Sandra Altherr (ProWildlife e. V.) fügte zur Debatte hinzu, dass Forscher anstatt der genetischen Nähe auch das Argument des Ich-Bewusstseins in die Debatte einführen, um Grundrechte auch für Elefanten und Wale bzw. Delfine zu fordern, und um eben ein kräftigeres Argument zu haben, als die schlichte genetische Nähe, die wieder nur eine willkürliche Grenze sein würde.

 

Prof. Dr. Christophe Boesch (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie) wies darauf hin, dass gleiche Gene einen Evolutionsbiologen nicht überraschen, da die gleichen Gene auch die gleichen Funktionen haben. Diese gleichen Gene finden sich faktisch bei fast allen Wirbeltieren, also auch weit über die Menschenaffen hinaus. Prof. Boesch merkte an, dass die Forderungen des Great Ape Projects in der Wissenschaftsszene umstritten seien. Vor allem die Kriterien, die für eine Zusprechung von Grundrechten herangezogen werden, würden kontrovers diskutiert.

 

Rechtsphilosophische Argumente

 

Dr. Eisenhart von Loeper (Rechtsanwalt und seit vielen Jahren im Tierschutz aktiv) brachte die Rechtssystematik näher. So muss Gleiches gleich und Verschiedenes verschieden behandelt werden. Nun sei aber die Frage zu stellen, wie viel Gleiches die Großen Menschenaffen mit dem Menschen haben, damit man ihnen ähnliche oder gleiche Rechte zuerkennen kann? Unsere Gesetzessystematik gebe den Tieren bereits angeborene Rechte, zum Beispiel die Zuerkennung der Leidensfähigkeit und dass der Mensch sie schützen müsse. Allerdings haben die Tiere bisher keine angeeigneten Rechte, die die Zuerkennung von Grundrechten aber darstellen würden. Durch die Staatszielbestimmung Tierschutz in Artikel 20a des Grundgesetzes trete der Mensch als Treuhänder für die Tiere auf, es sei eben seine Aufgabe und Pflicht geworden, die Tiere um ihrer selbst willen zu schützen, und nicht nur bezogen auf ihren Nutzen, den sie für den Menschen haben. So werde den Tieren quasi ein Grundrecht auf Schutz vor Willkür zugesprochen. Die Initiative zur Zuerkennung von Grundrechten für Menschenaffen sei rechtsphilosophische Pionierarbeit, die sicherlich noch einige Jahre dauern werde und nicht von heute auf morgen mit einer gesellschaftlichen Mehrheit rechnen könne. Daher seien kleinere Projekte und gesetzliche Veränderungen für einen besseren Schutz der großen Menschenaffen durchaus eher zu beschreiten als den großen Wurf zu forcieren. Das Grundrecht auf Freiheit würde dabei bedeuten, dass der Mensch die Verantwortung für den Schutz der Lebensräume der Menschenaffen übernehme. Ein absolutes Haltungsverbot wäre damit nicht zwangsläufig verbunden, da eine Arterhaltung gerade bei den großen Menschenaffen wohl auch nur mit Haltung in menschlicher Obhut gelingen könne, wenn wir die Lebensräume nicht adäquat binnen weniger Jahre retten.

 

Darüber hinaus, so fügte Laura Zimprich (Animal Public) hinzu, wäre eine Haltung über die in zoologischen Gärten hinaus, nicht mehr mit dem Grundrecht auf Freiheit vereinbar. Die private Haltung von Menschenaffen, wie sie etwa noch in Brandenburg praktiziert werde, würde damit obsolet werden. Dabei ergibt sich dann allerdings ein neues Problem, wie Dr. Colin Goldner formulierte, da es keine deutsche bzw. auch keine europäische Auffangstationen für Menschenaffen gebe.

 

Dr. Torsten Ehrke (Büro Undine Kurth) hat die Schaffung einer europäischen

Auffangstation für Wildtiere aus privater und öffentlicher Haltung als politische Aufgabe für die nächsten Jahre definiert.

 

Juliana Ströbele-Gregor (Freie Universität Berlin) wandte ein, dass in Holland bereits eine Auffangstation bestehen würde, die hervorragende Haltungsbedingungen habe. Eine europäische Auffangstation sollte nach diesem Vorbild errichtet werden.

 

Dr. Sandra Altherr wies darauf hin, dass in der Diskussion um das Grundrecht auf Freiheit zwei Dinge nicht miteinander vermischt werden dürften: Auf der einen Seite gebe es die Menschenaffen, die sich bereits in menschlicher Obhut befinden, und auf der anderen die Menschenaffen, die noch in der Wildnis lebten. Es müsse die Aufgabe sein, wenn ein Grundrecht auf Freiheit gewährt würde, nicht die einen gegenüber den anderen zu bevorzugen.

 

Prof. Dr. Dr. h. c. Dieter Birnbacher (Heinrich-Heine Universität Düsseldorf) brachte in seinem Vortrag die ethische Debatte näher. Es gebe bei den Ethikern keinen Konsens über die Frage der Zuerkennung von Grundrechten für die Großen Menschenaffen. Allerdings sei auch die seit Jahrhunderten geführte und maßgeblich von Descartes beeinflusste Debatte um Rechte für Tiere inzwischen überholt und nicht mehr zeitgemäß. Die vorgebrachten Argumente entsprächen nicht mehr dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen und ethischen Debatte. Tiere gehörten zwar im Grundsatz nicht zu unserer Gesellschaft gehören, sie befänden sich aber in dieser. Daraus ergäben sich für die Tiere zwar keine Pflichten, aber Rechte. Die Zuerkennung von Grundrechten für Tiere würde nicht eine Abkehr von den Grundrechten für Menschen bedeuten, wie es vielerorts angeführt wird. Prof. Birnbacher sagte, dass die aufgeführte genetische Nähe oder Ferne zum Menschen nichts anderes wäre, als eine neue Sichtweise auf die historische Debatte über die Arten, wobei er in Frage stellte, ob es sich beim Menschen aus ethischer und naturwissenschaftlicher Sicht überhaupt um eine eigene Art handelt. Würde man dieses negieren wollen, so wäre auch eine Debatte um genetische Nähe und Ferne völlig verfehlt. Daher forderte er, dass es nicht darum gehen solle, ob Tieren Rechte zugesprochen werden, sondern darum welche und an welche Bedingungen diese geknüpft werden. Aus seiner Sicht wäre die Bindung an die Fähigkeiten der Tiere viel tragender. So können etwa Menschenaffen Werkzeuge anfertigen und benutzen, sowie Emotionen empfinden und auch ihr eigenes Handeln in einen Kontext stellen. Würde man die Zuerkennung von Grundrechten an die Fähigkeiten der Tiere binden, so wäre die Debatte zudem auch nicht mit der Gefahr verbunden, ein Türöffner für weitere Tiere (abgesehen von Walen und Elefanten) zu werden. Allerdings muss auch klar sein, dass es keine allumfassende Zuerkennung von Grundrechten geben kann, da damit die Fähigkeiten des Hominiden Mensch abgewertet würden. Prof. Birnbacher sprach sich zudem wie bereits Dr. von Loeper dafür aus, auf einfachgesetzlicher Ebene erste Schritte hin zu diesem ethischen Modell zu unternehmen.

 

Auf die Nachfrage von Prof. Boesch, wie denn die Haltung der Tiere in Zoos in diesem Zusammenhang gesehen werden müsste, antwortete Prof. Birnbacher, dass Zoos anders betrachtet werden müssten. Es ist sicherlich nicht vereinbar, die Tiere auszustellen, vielmehr sollte in menschlicher Obhut für deren Arterhalt gesorgt werden.

 

Grundrechte für Menschenaffen – auch in menschlicher Obhut möglich?

 

Prof. Dr. Christophe Boesch (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie) ging auf die Rolle der Menschenaffen in der freien Wildbahn ein. Durch den Klimawandel und den fortschreitenden Verlust von Regenwald, wird nicht nur die Population der Menschenaffen bedroht, sondern auch der Klimawandel beschleunigt. Prof. Boesch sagte, dass der Stopp des Klimawandels auch direkt die wildlebenden Populationen der Menschenaffen schützen würde.Darüber hinaus postulierte er, dass ein Grundrecht auf Leben viel eher dazu führen würde, die natürlichen Lebensräume der Menschenaffen zu schützen, während ein Recht auf Freiheit die Diskussion auf die Individuen in menschlicher Obhut richten würde, wobei hier die Diskussion seiner Meinung nach in eine falsche Richtung liefe, da sich auch heute nur ein marginaler Bruchteil der Menschenaffen in Zoos und privaten Haltungen befände. Das eigentlich Problem ist die Zerstörung der natürlichen Lebensräume. Zudem ist ein Recht auf Leben direkt zuträglicher, da durch die langen Generationsbrücken bei Menschenaffen eine schnelle Erholung der Populationen nicht möglich ist.

 

Juliana Ströbele-Gregor fügte hinzu, dass eine Arterhaltung in Zoos auch kaum möglich sei, da die Tiere in Zoos selten reinrassig und oft Hybriden seien, mit denen keine Arterhaltungszucht möglich sei. Deswegen sei es von größer Bedeutung, die Habitate der Großen Menschenaffen zu schützen und wiederherzustellen. Dass dies nicht ohne Weiteres von heute auf morgen möglich sei, dürften wir dabei nicht aus dem Blick lassen. Jedoch liefe uns auch die Zeit davon, wenn wir uns nicht baldmöglichst auf den Weg zu einem besseren Schutz für die Großen Menschenaffen machten.

 

Laura Zimprich (Animal Public e. V.) kam in ihrem Vortrag auf die Rolle der zoologischen Gärten zurück. Über die Haltung in Zoos hinaus gibt es in Deutschland noch ein Tier in einem Zirkus und 6-7 Tiere in privater Haltung. Allerdings gibt es auch in Zoos – wie etwa im Schwabenpark – Zirkusnummern mit Schimpansen, bei denen sie Kleidchen tragen müssten und Nummern vorzuführen haben. Daher wäre die Forderung des Animal Council, das absolute Verbot der Folter auch für die Tiere geltend zu machen, dringend erforderlich. Tierschutzverbände sähen die Haltung in Zoos derzeit als so problematisch an, dass es in ihren Augen nicht möglich sei, die Tiere artgerecht in Deutschland unterzubringen. Aufgrund fehlender Alternativen würde es aber kein Eingreifen von Veterinärbehörden geben, da die Tiere nirgendwo anders entsprechend besser untergebracht werden könnten. Deswegen bekräftigte Zimprich die Forderung nach einer europäischen Auffangstation.

 

Grundrechte für Menschenaffen – was müsste die Entwicklungszusammenarbeit leisten?

 

Julia Cissewski (Orang-Utans in Not e. V.) stellte die Arbeit ihrer Organisation auf Borneo und Sumatra vor, wo sich die letzten Refugien für wildlebende Orang-Utans befinden. Die Fläche für die Tiere hat sich in den letzten 50 Jahren um mehr als die Hälfte reduziert. Das größte Problem stellt zugleich die Entwicklungszusammenarbeit selbst dar, da Infrastrukturprojekte oft durch Naturschutzreservate geführt würden. Durch neue Straßen gelangten dann auch Wilderer besser in die Kernzonen von Naturschutzreservaten und könnten die Tiere bejagen – einerseits als Buschmeat und andererseits, um sie weiterzuverkaufen. Auf ein Orang-Utan-Baby kommen zirka sechs tote Tiere (Mutter + Verluste bei der Jagd). Auf der anderen Seite wird durch den Holzeinschlag (der faktisch in allen Nationalparks stattfindet) der Lebensraum der Orang-Utans zusätzlich bedroht. Als gutes Beispiel nannte Cissewski Norwegen, das an die Regierung von Indonesien eine Milliarde Euro gezahlt habe, damit kein weiterer Holzeinschlag vorgenommen werde. Darüber hinaus habe Norwegen den Import von tropischen Hölzern komplett verboten. Diesem Beispiel sollte die Europäische Union folgen, um die Lebensräume der Orangs zu schützen.

 

Dr. Sandra Altherr (Pro Wildlife e. V.) ging auf die Population der Großen Menschenaffen in Afrika ein. Hier stellten sich gleichen Probleme wie in Indonesien dar. Auch hier spielten Infrastrukturprojekte eine große Rolle. Darüber hinaus aber auch die Trophäenjagd für den asiatischen Markt. Durch gezieltere, kleinere Entwicklungsprojekte – wie Solarkocher als Ersatz für Holz – könnten die Bevölkerung aktiver in den Schutz der Großen Menschenaffen eingebunden werden. Nur wenn die Bevölkerung vor Ort mitmachte, könne ein wirklicher Schutz der wildlebenden Populationen erreicht werden. Sollte es jedoch nicht bald ein Umdenken geben, sowohl was die Finanzierung von Entwicklungsprojekten durch die EU als auch durch die Weltbank betrifft, werde es keinen Fortschritt im Schutz der Großen Menschenaffen geben.

 

Grundrechte für Menschenaffen – was steht jetzt auf der politischen Agenda?

 

Dr. Goldner: Diskussion um Palmöl, Solarkocher und Co. hilft keinem von den Menschenaffen in menschlicher Obhut. Was tun wir für die 450 Menschenaffen in Deutschland? Das Säugetiergutachten habe noch immer keine Rechtsverbindlichkeit.

 

Dr. von Loeper: Experten mit guter Reputation sollten in einer Expertise sich darauf verständigen, wie die gesetzlichen Maßstäbe der Haltung in menschlicher Obhut aussehen sollten. Das Säugetiergutachten habe nur einen empfehlenden Charakter, das sollte dringend geändert werden.

 

Prof. Dr. Birnbacher: Durch die EU-Versuchstierrichtlinie gibt es gerade ein neues Verständnis der Leidensfähigkeit von Tieren. Hier könnte die Debatte um Rechte für Menschenaffen anknüpfen. In Europa lasse sich dadurch eine Änderung durchaus erreichen.

 

Hans-Christian Ströbele: In der Bevölkerung gebe es ein starkes Bewusstsein für das Tierleid in der Massentierhaltung; daran kann angeknüpft werden. Gebraucht werde ein breiter gesellschaftlicher Konsens. Es gebe derzeit keine gesellschaftliche Debatte über die Rolle von Zoos, sie würden mehrheitlich nicht in Frage gestellt.

 

Prof. Dr. Boesch: Entscheidend ist die Entwicklung in Afrika. Nachhaltigkeit wird mehr und mehr eine entscheidende Rolle spielen. Nachhaltigkeit rechnet sich, hier muss man ansetzen.

 

Laura Zimprich: In den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein über die Zootierhaltung bereits geändert und ist immer noch im Umbruch. Wir brauchen hier mehr Umweltbildung. Geltendes Recht müsse auch vollzogen werden.

 

Dr. von Loeper: Wir sollten den Schutz der Menschenaffen durch eine Verknüpfung mit Projekten des Klimaschutzes den Menschen auch näher bringen. Das würde auch die entsprechende Finanzierungen verbessern.

 

Hearing Fraktion Grüne 21. 1. 2013

siehe auch: Haarige Verwandtschaft. in hpd vom 22.1.2013