Tommy (NhRP)

Tommy

Tommy, Kiko, Hercules und Leo)

 

Eine dem Hiasl-Vorstoß vergleichbare Rechtsinitiative wurde Ende 2013 in den USA auf den Weg gebracht: die Tierrechts- organisation Nonhuman Rights Project (NhRP) erhob vor dem State Supreme Court im US-Bundesstaat New York Klage auf Anerkennung von vier in Privatbesitz bzw. im Besitz eines Versuchslabors stehenden Schimpansen als Rechtspersonen. Gründer und Hauptaktivist des NhRP ist der Bostoner Rechtsprofessor Steven M. Wise, der, zusammen mit einer kleinen Gruppe an Anwälten, seit mehr als dreissig Jahren gegen die untragbaren Zustände in der US-Massentierhaltung kämpft. Wise und seine Mitstreiter bezogen sich in ihrer Klage auf das sogenannte „Writ of Habeas Corpus“, ein im US-amerikanischen und britischen Recht verankertes Instrument zur Freisetzung einer Person aus ungerechtfertigter Haft. Das Writ (=Gerichtsverfügung) geht zurück auf einen Fall aus dem Jahre 1772: ein in England seinem Besitzer entflohener schwarzer Sklave namens James Somerset war wieder eingefangen worden und sollte auf einem Schiff nach Jamaika deportiert werden. Britische Sklavereigegner verfassten eine Petition an den Vorsitzenden der Kammer des Obersten Gerichtshofs in London, die Deportation auszusetzen; sie argumentierten, es habe gemäß der seit 1679 rechtsgültigen Habeas-Corpus-Akte jede inhaftierte Person das Recht auf unverzügliche Haftprüfung vor einem ordentlichen Gericht. Die Kammer folgte der Petition, womit sie stillschweigend den Personenstatus Somersets anerkannte, den dieser als Sklave bis dahin nicht hatte. Somerset kam letztlich frei, sein Fall trug wesentlich zur Beendigung der Sklaverei in England bei.

 

Das NhRP nimmt ausdrücklich bezug auf die Abschaffung der Sklaverei in den USA im Jahre 1865:  „Es ist nicht lange her“, so Wise, „dass die Leute allgemein der Meinung waren, menschliche Sklaven seien keine Rechtspersonen, sie seien einfach Besitz ihrer Eigentümer.“ Es sei an der Zeit, nunmehr den nächsten Schritt zu tun und anzuerkennen, dass auch die Großen Menschenaffen nicht länger als Eigentum menschlicher Besitzer gelten und von ihnen ausgebeutet werden dürfen. Schimpansen, um die es im vorliegenden Fall geht, seien „rechtlich keine Sachen, die jemandem gehören können, sondern kognitive, komplexe und autonome Rechtspersönlichkeiten mit dem Grundrecht, nicht inhaftiert zu werden.“ Die Klage wurde - erwartungsgemäß - in erster Instanz abgewiesen. Sollte ihr in höherer Instanz stattgeben werden, wäre damit rechtsverbindlich anerkannt, dass Schimpansen bestimmte Persönlichkeits- grundrechte zukommen: ein Meilenstein in der Tierrechtsgeschichte. (Die vier Schimpansen, an denen die Klage festgemacht ist - Tommy, Kiko, Hercules und Leo -, könnten im Erfolgsfalle ihren bisherigen Besitzern weggenommen und in eines der bestehenden US-Reservate für Menschenaffen verbracht werden, wo sie den Rest ihres Lebens in relativer Freiheit zubringen könnten.)

NZZ vom 1.6.2014


Freiheit für Tommy!

 

Sollen intelligente Tiere Menschenrechte erhalten? Ein amerikanischer Anwalt will erreichen, dass Schimpansen vor Gericht künftig nicht mehr als Sache, sondern als Personen gelten – so wie einst die Sklaven.

 

Von Charles Siebert

 

Am 10. Oktober, kurz vor 16 Uhr, fährt Steven Wise vor ein riesiges Gelände am State Highway 30 in der Nähe von Gloversville, 300 Kilometer nördlich von New York. Der Vorplatz zu einem einstöckigen Bürogebäude ist zugestellt mit Transportanhängern für Pferde, Nutztiere, Autos, Boote und Schneemobile. Über der Tür hängt ein Schild, auf dem «Circle L Trailer Sales» steht. Es ist niemand zu sehen. Mehrmals ruft Wise im Büro an, um sicherzugehen, dass er auch wirklich am richtigen Ort ist. Erst als er von weitem Weihnachtsschmuck für Hirschgeweihe entdeckt, weiss er, dass der Ort stimmt. Denn er hatte irgendwo gelesen, dass der Besitzer von Circle L Trailer ebenfalls ein Unternehmen mit dem Namen «Santa’s Hitching Post» besitzt und Rentiere für Weihnachtsfeiern und TV-Spots vermietet, zum Beispiel für Mercedes-Benz.

 

Rentiere im Fernsehen

 

Endlich entdeckt er einen Mann auf dem Gelände. Wise erklärt mir und dem Dokumentarfilmer, Chris Hegedus, was er vorhat: «Ich werde ihm sagen, dass ich seine Rentiere im Fernsehen gesehen habe, dass ich gerade zufällig vorbeigefahren sei und mir gedacht habe, dass ich sie vielleicht mal live sehen könnte.»
Der Mechaniker erklärt Wise, dass der Besitzer nicht da sei. Wise schüttelt so viele Rentier-Fragen aus dem Ärmel, wie er kann, um dann zu dem Punkt zu kommen, der ihn wirklich interessiert. «Und», fragt er mit einer Stimme, die den aufgeregten Touristen darstellen soll, «gibt es noch andere Tiere hier?» – «Ja», antwortet der Mann und weist mit einer Kopfbewegung zur Scheune, «da drin. Sein Name ist Tommy.»

 

In der Scheune öffnet der Mechaniker vorsichtig eine kleine Tür, als ob er zuerst die Lage überprüfen wollte. Ein ranziger, milchiger Geruch strömt uns entgegen, und wir sehen einen erwachsenen Schimpansen, der zusammengekauert in einer Ecke seiner winzigen Zelle aus Stahlgeflecht liegt. Ein paar Plasticspielsachen und schmutziges Bettzeug sind um ihn herum verstreut. Die einzige Lichtquelle kommt von einem kleinen tragbaren Fernseher, der vor dem Gitter aufgestellt ist. «Ein Pech, dass sie ihn nicht im Dschungel sehen», sagt der Mechaniker und zeigt auf einen Gang, der zu einem kleinen Gehege mit Klettergerüsten führt. «Wenigstens kommt er da an die frische Luft.»

 

Wir erfahren, dass Tommys ehemaliger Besitzer Dave Sabo hiess und Dompteur einer Truppe von Zirkusaffen war. Der Mechaniker erzählt uns, dass Sabo den heute ungefähr 20-jährigen Tommy aufgezogen und bis zu seinem Tod in einem Wohnwagen hier auf dem Gelände gelebt habe.

 

Als wir zurück zum Auto laufen, bleibt Wise plötzlich stehen. «Ich werde dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf bringen», sagt er mit zitternder Stimme. «Wie würdet ihr diesen Käfig beschreiben? Er ist in einem Kerker, nicht wahr? Das ist ein Kerker.»
Sieben Wochen später betritt der 63-jährige Rechtswissenschafter Steven Wise, bewaffnet mit einem Stapel Rechtsdokumenten und begleitet von seinen Kolleginnen Natalie Prosin, Geschäftsführerin von Nonhuman Rights Project (NhRP), und Elizabeth Stein, einer Tierrechtsexpertin, das Büro des Justizgebäudes Fulton County in Johnstown N. Y., nur 15 Kilometer von Circle L Trailer Sales entfernt.


Unter dem Titel «The Nonhuman Rights Project Inc. im Interesse von Tommy» enthält das Memorandum samt Antragsschrift ein 106 Seiten langes Exposé, das die Isolationshaft «des Klägers in einem kleinen, dunklen Käfig, in einer höhlenartigen Scheune» detailliert beschreibt. Dem Dokument beigelegt sind neun eidesstattliche Erklärungen von weltweit führenden Primatologen, jede mit einem detaillierten Bericht über die komplexen kognitiven Fähigkeiten eines Wesens wie Tommy, die belegen, dass der Menschenaffe in Gefangenschaft reale psychische und physische Schmerzen erleidet.

 

«Wie Menschen», so steht es im Exposé, «erinnern sich Schimpansen an ihre Vergangenheit und planen für die Zukunft . . . der Leidensdruck dieser Tiere ist enorm. Dass sie ihrem Bedürfnis nach freier Bewegung nicht nachkommen können und nicht wissen, ob ihre Haftzeit jemals enden wird, erfüllt sie mit Schmerz.» Was Tommy aber in seiner kleinen, kalten Zelle nicht vorhersehen kann, ist, dass er gerade dabei ist, Rechtsgeschichte zu schreiben. Der erste nichtmenschliche Primat, der Klage gegen seinen menschlichen Geiselnehmer einreicht.


In den Gerichtssälen sind Tiere nichts Neues. Im Mittelalter wurden Tiere regelmässig angeklagt. Blutdürstige Schweine, stehlende Ratten und Insekten oder Spatzen, die mit ihrem Gezwitscher den Gottesdienst störten, standen öfter einmal vor dem Richter. Die Verfahren, oft sehr aufwendige Gerichtsdramen, die sich gerne in die Länge zogen, gewährten den Angeklagten dasselbe Recht wie dem Menschen, zum Beispiel das Recht auf bestmögliche Verteidigung. Am meisten angeklagt wurden Schweine. Schweine konnten sich damals frei durch die engen Gassen der mittelalterlichen Städte bewegen und verletzten oder töteten oft Babys und Kleinkinder. Die «Schuldigen» wurden dann vor den Richter zitiert. Meistens folgte eine öffentliche Hinrichtung auf dem Dorfplatz, wo das Tier kopfüber aufgehängt, gefoltert und getötet wurde.

 

Tiere anzuklagen, um unsere Vorstellung von Gerechtigkeit zu bestärken, ist nicht so obsolet, wie man denken könnte. 1906 wurden in der Schweiz ein Vater und sein Sohn mit ihrem Kampfhund strafrechtlich verfolgt. Alle drei wurden des Diebstahls und des Mordes beschuldigt. Die Tageszeitung «L’Echo de Paris» berichtete, dass die beiden Männer zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurden. Der Hund erhielt die Todesstrafe.

 

Das Tierrecht als eigenständiges Gebiet der Rechtslehre, das heisst, dass Gesetze und Rechtstheorien ausdrücklich für und über Tiere formuliert werden, ist erst in den letzten 30 Jahren entstanden. Tierschutzgesetze und Statuten zum Schutz bedrohter Tierarten gibt es schon länger. Aber das sind Gesetze, die Nutzen und Missbrauch von Tieren in der Nahrungsmittelindustrie, der Forschung und Unterhaltungsindustrie und im Privatbesitz regulieren. Der grundlegende juristische Status von Tieren aber, so wie derjenige von Objekten oder Besitztümern, blieb unverändert.

 

Wise widmet sich der Umkehrung dieser Hierarchie, indem er das Tier vom Angeklagten zum Kläger macht. Nicht weil er kognitiv fortgeschrittene Wesen wie den Schimpansen Tommy als Menschen darstellen will, sondern weil er den Richter überzeugen möchte, sie als Individuen zu sehen, die Anrecht auf das haben, was sie ohne uns, als wilde Tiere, niemals brauchen würden – ein fundamentales Recht auf Freiheit.

 

Sänger einer Rockband

 

Gefangene Schimpansen in Hinterhöfen aufzustöbern, ist nicht die Karriere, die sich Wise für sich vorgestellt hatte. Aber auch nicht die Rechtswissenschaft. Als Frontsänger einer Rockband sah er seine Zukunft eigentlich in der Musikindustrie. Erst sein Engagement in der Widerstandsbewegung gegen den Vietnamkrieg weckte in ihm den sozialen Aktivismus.

 

Ein paar Wochen nachdem Tommy gefunden wurde, erzählte mir Wise bei einem Mittagessen in Manhattan, dass er eigentlich immer habe Arzt werden wollen. Weil er aber die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hatte, arbeitete er als Laborant in Boston und beteiligte sich aktiv im Widerstand. Eines Tages sei im klargeworden, dass er Anwalt werden müsse, denn «Fragen zur sozialen Gerechtigkeit interessierten mich immer mehr».

 

Ein paar Jahre nach seinem Abschluss an der Boston University of Law stiess er auf das Werk von Peter Singer: «Animal Liberation». Ein Buch, das sein Leben für immer veränderte. «Es war wie eine Offenbarung», erinnert er sich, «ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, wie wir Tiere behandeln und was mit ihnen passiert. Zuerst wurde ich Vegetarier. Dann dachte ich mir: Wenn dich soziale Gerechtigkeit interessiert, dann gibt es wohl keine Wesen, die schlechter behandelt werden als Tiere. Menschen können mit ihnen machen, was sie wollen. Tiere haben überhaupt keine Rechte. Ich konnte mir kein besseres Gebiet vorstellen, wo ich so viel bewirken und verbessern konnte. Da wurde mir klar, dass dies der Grund war, wieso ich Anwalt geworden bin.»

 

Als Erstes wollte Wise verstehen, wie sich die Art verändert hat, wie Tiere im Laufe der Geschichte wahrgenommen wurden. Er befasste sich mit Aristoteles’ «Grosser Kette der Wesen», in der Tiere den Menschen untergeordnet werden. Er las René Descartes, der meinte, dass Tiere zwar komplexe, aber seelenlose Maschinen seien, und Immanuel Kants Aufruf gegen die Grausamkeit an Tieren, der solche Grausamkeit bekämpfte, weil sie einen schlechten Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen habe. Und schliesslich studierte Wise die Theorien des im 19. Jahrhundert lebenden britischen Philosophen und Juristen Jeremy Bentham, der sagte, dass der einzige Massstab bei der Beurteilung von Tieren nicht etwa das «logische Denken» sei oder «die Fähigkeit zu sprechen», sondern die «Fähigkeit zu leiden», ein Ansatz, der zeitgenössische Denker wie Peter Singer tiefgehend beeinflusst hat.

 

1991 reichte Wise seine erste Klage wegen Tierquälerei ein. Angeklagt wurde ein Aquarium wegen des Transports eines Delphins ins US-Navy-Trainingszentrum in Hawaii. Dabei stützte er sich auf das Gesetz zum Schutz von Meeressäugern.
Die Klage wurde vom Richter sofort abgewiesen wegen unzureichender «Klagebefugnis». Die Klagebefugnis ist eine gesetzliche Vorschrift, die verlangt, dass der Kläger in der Lage ist, über den Schaden zu berichten, der ihm angetan wurde. Zudem muss der Kläger beweisen können, dass dieser Schaden auf gerichtlichen Entscheid hin wiedergutgemacht werden kann – eine Kompetenz, die der Delphin offensichtlich nicht hat.

 

Tiere sind unsichtbar

 

Eine Sache beziehungsweise ein Tier ist im Gericht unsichtbar. Die einzige Art, wie eine solche Kreatur Wiedergutmachung erlangen kann, ist, dass der menschliche Rechtsvertreter vor Gericht beweist, dass tatsächlich Schaden am Tier angerichtet wurde. «Der Anwalt des Aquariums war ausser sich», erzählt mir Wise. «Unaufhörlich sagte er: ‹Herr Richter, wir besitzen das. Das ist unser Eigentum, und unser Eigentum fordert nun, dass man es nicht so behandeln darf?› Aber wir konnten beweisen, dass das Tier verletzt wurde, dass die Angeklagten dafür verantwortlich sind und dass der Richter das wiedergutmachen konnte. Das war nicht das Problem. Das Problem war, dass Tiere keine Rechtspersonen sind. Wenn ich also die Mauer, die die Tiere von den Menschen abgrenzt, abbrechen will, dann muss ich zuerst das Problem des Persönlichkeitsrechts lösen.»

 

Ein paar Jahre später studierte Wise den berühmten Fall «Somerset gegen Stewart»: Um James Somerset im Jahre 1772 aus der Sklaverei befreien zu können, berief sich der Oberrichter am englischen Oberhofgericht, Lord Mansfield, auf das Habeas-Corpus-Prinzip. Dieses besagt, dass jedem Menschen das Recht auf richterliche Haftprüfung zusteht. Mansfield beschloss, dass Somerset mit sofortiger Wirkung von seinem schottisch-amerikanischen Besitzer, Charles Stewart, freizulassen sei – ein damals bahnbrechendes Urteil, das den ersten Keil in die Wand rammte, welche die Schwarzen von den Weissen abgrenzte.

 

Der Fall Somerset gab Wise den Anstoss, weitere Habeas-Corpus-Anträge zu studieren. Er stellte fest, dass die Mehrheit dieser Fälle von Leuten eingereicht werden, die im Interesse einer Partei agieren, die nicht in der Lage ist, persönlich vor Gericht zu erscheinen: Gefangene, Kinder oder geistig behinderte Erwachsene. Wise erkannte, dass bei Habeas-Corpus-Fällen die Auflagen weniger streng sind, genau weil die Umstände erfordern, dass ein Bevollmächtigter wie Wise den Kläger vertritt.

 

Wise wurde klar, dass er das Habeas-Corpus-Prinzip auch als Argument dafür nutzen konnte, dass das Recht einer «juristischen Person» auf körperliche Freiheit nicht ausschliesslich für «Menschen» gelten muss. Während unseres Mittagessens zählte er mir Fälle auf, bei denen Sachen, wie zum Beispiel Schiffe, Unternehmen, Partnerschaften und Staaten, den Status einer juristischen Person erhalten haben. In Indien wurden das heilige Buch der Sikhs und die Hindu-Götter als Rechtspersonen anerkannt. Und bei einer Auseinandersetzung in Neuseeland zwischen dem Königshaus und dem Maori-Stamm wurde sogar ein Fluss zur juristischen Person.

 

«‹Juristische Person› ist also kein Synonym für ‹menschliches Wesen›», sagte mir Wise. «Eine juristische Person ist eine Instanz im Rechtssystem, die als genug wichtig erachtet wird, dass sie vor dem Gesetz sichtbar ist und Rechte hat. Oft frage ich meine Studenten, wieso der Mensch Anspruch auf Grundrechte habe. Ich habe bisher noch keinen getroffen, der mir diese Frage beantworten konnte, ohne sich dabei auf menschliche Eigenschaften zu stützen.»


In einer seiner Vorlesungen forderte Wise seine Studenten auf, den Fall eines Babys zu studieren, das mit einem unvollständigen Gehirn geboren wurde. Das Mädchen kann zwar atmen und verdauen, es hat aber kein Bewusstseins- oder Empfindungsvermögen, keine Gefühle, kein Selbstbewusstsein. Dann fragte er die Klasse, wieso man mit diesem Kind nicht tun und lassen könne, was man wolle. Es sogar verspeisen, wenn man denn möchte.

 

«Weil es eine Seele hat»

 

«Natürlich schockiert uns ein solcher Gedanke zutiefst», sagt Wise. «Wenn ich meinen Studenten diese Frage stelle, dann verkrampfen sie sich total und sagen Sachen wie: ‹Weil es eine Seele hat› oder ‹Jedes Leben ist heilig›. Ich antworte dann, dass es hier nicht um Charakteristiken gehe, sondern rein darum, dass dieses Baby die Gestalt eines menschlichen Wesens habe. Ich will damit nicht sagen, dass die menschliche Gestalt kein Argument ist. Ich sage nur, dass es irrational ist . . . Wieso ist ein menschliches Individuum ohne kognitive Fähigkeiten eine Person mit Rechten und Ansprüchen? Und wieso sind Wesen mit hohen kognitiven Fähigkeiten wie Tommy oder ein Delphin oder ein Orca Sachen ohne Rechtsanspruch?»

 

Wie die Gerechtigkeit für die Tiere erreicht werden soll, darüber ist man sich in der Tierrechts-Szene aber alles andere als einig. Wise glaubt, dass es falsch sei, bereits jetzt das Bundesgericht anzurufen. Andere sehen das anders. Und so kam es auch schon zu heftigen Streitigkeiten. Im Oktober 2011 hat die Peta (People for the ethical treatment of animals) vor dem Obersten Gerichtshof eine Klage gegen SeaWorld San Diego und SeaWorld Orlando wegen der Haltung von Orcas eingereicht. Die Klage wurde vom Oberrichter Jeffrey Miller abgewiesen.


Wise war ausser sich über das voreilige Handeln der Peta. Nachdem der Richter sein Urteil gesprochen hatte, rief Wise einen der Peta-Anwälte an, um «ihm die Meinung zu sagen». Eine Kollegin von Wise war bei der Telefonkonferenz dabei und wusch Wise nachher zünftig den Kopf. «Sie sagte, ich hätte mich wie ein Professor verhalten, der seinen Schüler rügt. Dass ich ihm in einem 30-minütigen Monolog erklärt hätte, wieso sein Fall schlecht war. Ich erwiderte nur, dass 30 Minuten bei weitem nicht genug gewesen seien. Es war idiotisch, schon jetzt die Verfassung zu zitieren. Vielleicht geht das in 50 Jahren, wenn Gerichte einsehen, dass Tiere auch als Rechtspersonen anerkannt werden können. Aber genau aus diesem Grund vermeiden wir heute noch das Bundesgericht.»

 

Wenn der erste Schachzug der Peta in Wise’ Augen übereilt und strategisch unklug war, so ist das Vorgehen im Interesse von Schimpanse Tommy durchdacht und präzise. Bis zu 70 Freiwillige arbeiten seit über vier Jahren an den verschiedensten Aspekten dieser juristischen Offensive. Einen der wichtigsten Aspekte deckt eine wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft ab: In Zusammenarbeit mit einem Spezialisten im Bereich der Wal-Hirne und der Evolution der Intelligenz der Tiere sammelt die Gruppe alle vorhandenen Studien und Expertenaussagen über die hohen kognitiven Fähigkeiten des Klägers.

 

Noch vor 10 Jahren wären Wise’ Bemühungen nur belächelt worden. Dass er heute mehr Chancen hat, auf Gehör zu stossen, liegt daran, dass die Forschung stark fortgeschritten ist und dass bewiesen werden konnte, dass Tiere wie Schimpansen, Orcas und Elefanten empathiefähige, selbstbewusste Wesen sind, die einen Sinn für Vergangenheit und Zukunft haben. Sie haben ihre eigene Sprache, komplexe soziale Strukturen und kennen den Werkzeuggebrauch. Sie trauern und haben Mitgefühl, zudem vermitteln sie ihr Wissen an die nächste Generation weiter – sie besitzen also genau die Eigenschaften, die wir so lange nur den Menschen zugeschrieben haben. Wise beabsichtigt, sich auf diese Erkenntnisse zu stützen, wenn er argumentiert, dass seine Klienten «autonome Wesen» seien, die nicht nur aus Reflex oder Instinkt handelten, sondern rational Entscheidungen fällen könnten. Wise findet, dass durch diese Fähigkeiten die Voraussetzungen erfüllt seien, dass Tiere als Rechtspersonen anerkannt werden könnten.

 

Schimpansen in New York

 

Eine weitere Arbeitsgemeinschaft von Nonhuman Rights Project für die Verteidigung von Tommy bildet eine Gruppe von Juristen und Rechtswissenschaftern. Deren Arbeit ist es, geeignete gerichtliche Zuständigkeiten für die Anwälte zu finden und potenzielle Klienten zu gewinnen. Eigentlich wird also die gängige Prozedur umgekehrt, bei der ein Anwalt seinen Klienten hat und ihn an dem Ort vertritt, wo er sich befindet. Die 20 Mitglieder dieser Arbeitsgruppe haben in einem ersten Schritt Fälle in ganz Amerika zusammengetragen, bei denen eine Habeas-Corpus-Klage gewährt wurde. Zu jedem dieser Fälle verfassten sie mehrseitige Memos. Dann konzentrierten sie sich auf den Staat New York, wo sie mittlerweile sieben Schimpansen in Privatbesitz ausfindig machen konnten.

 

Wise und seine Mitarbeiter reichten Habeas-Corpus-Anträge im Namen der vier verbleibenden Schimpansen in N. Y. ein. (Die anderen drei sind gestorben, bevor die NhRP sich hätte für sie einsetzen können.) Einen Tag nachdem Tommys Fall dargelegt wurde, waren die Anwälte bei den Niagarafällen und reichten einen Antrag ein im Interesse des Schimpansen Kiko. Zwei Tage später reisten sie nach Riverhead, N. Y., um einen dritten Antrag im Namen von Leo und Hercules einzureichen. Die beiden Schimpansen werden an der Stony-Brook-Universität in Long Island gehalten und für Studien zu menschlichen Bewegungsmustern genutzt.
Hobbys und Gesinnung

 

Zudem hat die soziologische Arbeitsgemeinschaft der NhRP Informationen über alle zuständigen Richter zusammengetragen: wie alt sie sind, welches Geschlecht sie haben, welche politische Gesinnung und Hobbys und ob sie Haustiere haben oder nicht. Dies, um ein möglichst klares Bild der Richter zu bekommen, denen der Kläger schliesslich gegenüberstehen könnte.

 

Wise hofft, dass ein Richter den Fall anhören wird, der sich nicht nur auf Präzedenzfälle stützt, sondern der sein Urteil ungeachtet der Auswirkungen fällt, die ein solcher Entscheid haben könnte. Ein Richter, wie damals Lord Mansfield einer war, der beim Urteil zu James Somerset sagte: «Fiat justitia, ruat caelum» – der Gerechtigkeit soll Genüge geleistet werden, und wenn der Himmel einstürzt.


«Ich suche einen Lord Mansfield», sagt mir Wise, «aber wie ich oft meinen Studenten sage: Pass auf, was du dir wünschst. Vielleicht triffst du auf einen Richter, der zwar nach seinem Gutdünken urteilt, dessen Prinzipien aber überhaupt nicht mit deinen übereinstimmen. Auf einen, der sagt: ‹Du verlierst. Denn ich bin mit deinen Prinzipien nicht einverstanden. Ich stimme dem Prinzip bei, dass Gott die Menschen geschaffen hat, dass wir Seelen besitzen und einzigartig sind. Und Tiere haben keine Seelen, also sind sie nicht einzigartig.› In einem solchen Fall hast du dir selbst ins Bein geschossen.»

 

Natürlich sind viele Juristen und Rechtsgelehrte der Meinung, dass die Anerkennung eines Tieres als Rechtsperson in sich widersprüchlich sei. Sie behaupten, dass es schon genügend Tierschutzgesetze gebe und es deshalb nicht nötig sei, Menschenrechte auf Sachen zu erweitern.

 

Richard Epstein ist Juraprofessor an der New York University und offener Kritiker von Wise’ Bemühungen, Tieren Menschenrechte zuzuschreiben. Er befürchtet, dass eine solche Verfassungsänderung einen Schneeballeffekt auslösen könnte, der Institutionen wie die Agrarwirtschaft und die Ernährungsindustrie zerstören würde. «Unsere menschliche Gesellschaft würde nicht mehr existieren», behauptete Epstein 1999 in einem Essay. «Ist das die nächste juristische Revolution? Wenn wir Tiere nicht mehr als Sache, sondern als unabhängige Rechtspersonen anerkennen?» Zudem findet er Wise’ Ansatz «vollkommen fehlgeleitet».


«Steven ist extrem geistreich», sagt mir Epstein, als ich ihn im Januar an der NYU besuche. «Ich denke aber nicht, dass er ein grosser Intellektueller ist. Er ist ein sehr hartnäckiger Mann. Er denkt einfach nicht, dass auch die Gegenseite starke Argumente haben könnte. Es ist, als ob man jemandem zuschauen würde, der mit Tunnelblick durchs Leben geht . . . Meine Meinung ist folgende: Man kann diese Sache von zwei Perspektiven aus betrachten – er denkt an die Rechte, ich an den Schutz. Er könnte sein Ziel auch erreichen, indem er sich einfach auf die existierenden Tierschutzgesetze stützt. Er muss nicht gleich von Rechten sprechen. Ich denke einfach, dass der Plan, Tiere zu einer Art Mensch machen zu wollen, verrückt ist.»

 

SeaWorld setzt Millionen um

 

Der Tierrechtler Wise erwidert darauf, dass die heutigen Tierschutzgesetze in einem Fall wie bei Tommy nicht helfen würden. Vor allem darum, weil es sowohl auf Staats- wie auch auf Bundesebene nicht illegal sei, Schimpansen in Käfigen zu halten. Tommys derzeitiger Besitzer, Pat Lavery, sagt, dass Tommys Käfig den Anforderungen entspreche, zugelassen sei und jährlich geprüft werde. Zudem werden die wenigsten Tiere von ihren Besitzern weggenommen, auch wenn die Käfige nicht der Norm entsprechen. Denn Tiere gelten nach wie vor als Privatbesitz.


Schliesslich interessiert Wise auch nicht die Unterscheidung zwischen schlechterer und besserer Form der Gefangenschaft. Er möchte erreichen, dass sich der Stellenwert der Tiere in den Augen der Menschen verändert. «Eines Tages werden wir für die Orcas im SeaWorld Klage erheben», sagt Wise, «diese unglaublich intelligenten und sozialen Tiere, die im Ozean gefangen wurden und nun in einem viel zu kleinen Becken gehalten werden, das offensichtlich nicht illegal ist. SeaWorld setzt Millionen Dollars pro Jahr um. Niemand sagt, sie solle wegen Tierquälerei angeklagt werden, und niemand weiss, wie man diese Orcas da rausbringen könnte. Dasselbe Problem haben wir mit den Schimpansen. Der Grund, wieso wir uns auf das Habeas-Corpus-Prinzip stützen, ist, dass es die einzige mögliche Lösung ist.»

 

Auch bei den Tierschützern hat Wise Kritiker. Sie verstehen nicht, wieso Wise sich auf den Vergleich mit dem Menschen stützt und nicht einfach die Benthamsche Frage in den Vordergrund stellt, also die Frage, ob diese Tiere die Fähigkeit haben, zu leiden. Für Wise ist die Frage der Leidensfähigkeit ein wichtiges Barometer. Es geht ihm aber um mehr. Um etwas, das einem Philosophen aus dem 19. Jahrhundert noch vollkommen fremd war, und zwar um die wachsenden wissenschaftlichen Beweise, dass seine Klienten ähnliche kognitive und emotionale Strukturen aufwiesen wie der Mensch. Und diese Belege verlangen nicht nur einen Wechsel in der Perspektive auf der rein philosophischen Ebene, sondern auch auf der legalen, so findet er.

 

Am 2. Dezember, kurz nach 14 Uhr, sitzen die Anwälte der NhRP im Gericht von Montgomery County in Fonda, N. Y., und warten angespannt auf das Erscheinen des Richters, Joseph M. Sise. Wise hat mir erklärt, was er von einem Urteil der Vorinstanz erwarten kann. «Auf dieser Ebene wird es keine emotionale Entscheidung sein, aber eine pragmatische. Der Richter wird sich auf das existierende Gesetz stützen. Denn er will sich nicht lächerlich machen. Aber nur schon seine Bereitschaft, sich den Fall anzuhören und vielleicht sogar ein schriftliches Urteil zu schreiben, hilft uns. Denn solange das Urteil zu Protokoll gegeben wird, können wir ans Appellationsgericht gehen. Und das ist der Ort, wo man emotionaler argumentieren kann.»

 

Auf dem Weg von Johnstown zum Gericht hat Prosin versucht, noch so viele Informationen über den Richter zu sammeln wie möglich. Sise ist Richter am Obergericht. Sein Bruder ist Richter, sein Vater ebenfalls. Er ist noch relativ jung, er hat 1988 seinen Abschluss gemacht und ist konservativer Republikaner. Leider konnte Prosin nicht in Erfahrung bringen, ob er eine Art Lord Mansfield sein könnte.
Im Gerichtssaal ruft eine Stimme «Bitte erhebt euch». Durch die grosse Eichentür tritt Richter Sise ein. Er ist gross, schlank und dunkelhaarig, Anfang 50 und schreitet mit schnellem Schritt zur Richterbank. Wise hört hingerissen zu, wie der Richter die Worte ausspricht, auf die er während seiner ganzen Karriere gewartet hat: «In Sachen von Tommy gegen . . . ein Antrag . . . zur Ersuchung eines Habeas-Corpus-Erlasses für eine Sache.»

 

Als der Richter Wise danach fragt, wieso der Artikel 70 des Civil Practice Law and Rules auch bei einem Tier Anwendung finden solle, einem Schimpansen, fehlen dem sonst so redegewandten Anwalt die Worte. Man hört fast schon das Getriebe in seinem Hirn rattern. Die zahlreichen Argumente, die er und sein Team über die Jahre gesammelt und vorbereitet haben, verwursten sich ausgerechnet in diesem Moment zu einem hoffnungslosen Chaos. «Ich konnte es nicht glauben, dass sich endlich ein Richter diesen Fall anhört», erzählt er mir später. «Da war ich vor Rührung vollkommen sprachlos.»

 

Die Anhörung dauerte nicht länger als 20 Minuten. Am Anfang unterbrach ihn der Richter ständig. Offenbar um Wise zu destabilisieren, hackte er unaufhörlich auf der Frage herum, wieso die Anwendung des Artikels 70 in diesem Fall die einzige Lösung sei. «Gibt es nicht einen anderen Weg», fragte ihn der Richter, «einen Antrag zu stellen . . . anstatt gleich vom Supreme Court zu erwarten, dass die Definition ‹Mensch› unter Artikel 70 auf Tiere erweitert werden soll?»


«Wir bitten doch nicht das Gericht, den Begriff ‹Mensch› neu zu definieren!», ruft Wise. «Wir stützen uns auf das Habeas-Corpus-Prinzip, weil es das Recht einer Rechtsperson auf körperliche Freiheit anerkennt, und eine Rechtsperson ist nicht gezwungenermassen ein Mensch.»

 

Und dann verlangt Wise, dass alle Schimpansen in New York den Status der Rechtsperson zugesprochen bekommen sollen. Denn Schimpansen seien vollkommen autonome Wesen. «Sagt wer?», fragt der Richter. «Und ich stelle diese Frage ganz bewusst, weil dies sowohl meinen wie auch Ihren Horizont übersteigt. Sie behaupten etwas, was nur Experten behaupten können.»

 

Schnell zitiert Wise die neun eidesstattlichen Erklärungen der weltweit führenden Primatologen. Da wird der kurzangebundene und voreilige Richter plötzlich still, er beugt sich interessiert nach vorne und nickt auf zustimmende Art.

 

Komplexität des Rätsels

 

Doch dann fährt er fort: «Also, was genau erwarten Sie vom Gericht in Bezug auf Artikel 70? Dass wir eine Ausnahme für Schimpansen machen? Erkennen Sie die Komplexität des Rätsels, das Sie dem Gericht hier auferlegen?»

 

«Wir verlangen, auf einer ganz klaren, legalen Grundlage . . . dass wir im Interesse von Schimpanse Tommy auf Habeas Corpus klagen können», entgegnet Wise ruhig. «Wir berufen uns dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die belegen, dass Tommy ein autonomes Wesen ist . . . zur Spezies des Homo sapiens gehört. Und dies ist Grund genug, dass das Persönlichkeitsrecht bei Tommy Anwendung finden sollte. Autonomie ist ein ausserordentlich wichtiges Attribut, und wir behaupten, dass ein Wesen, das autonom und selbstbewusst ist, das Entscheidungen fällen kann . . . dass ein solches Wesen im Grunde wir sind, Euer Ehren.»
«In Ordnung», sagt Richter Sise. «Was noch? Sonst noch etwas?»
Wise wirkt erschöpft. «Nein, Euer Ehren.»
Der Richter lehnt sich in seinem Stuhl zurück. «Ihre leidenschaftlichen Darlegungen sind ziemlich beeindruckend», sagt er. «Das Gericht wird den Antrag aber nicht annehmen. Es wird Schimpansen nicht als Menschen oder als Person anerkennen . . . die gemäss Artikel 70 auf Habeas Corpus klagen können. Ich nehme mich gerne einer anderen Klage an, um eine Ungerechtigkeit Tommy gegenüber wiedergutzumachen. Ich verstehe, was Sie sagen, Ihre Argumentation ist sehr fundiert. Und dennoch bin ich nicht einverstanden, dass der Artikel 70 bei Tieren Anwendung finden kann. Ich wünsche Ihnen bei Ihrem Projekt viel Glück. Es tut mir leid, dass ich die Verfügung nicht unterschreiben kann. Ich hoffe aber, dass Sie weitermachen. Als jemand, der Tiere liebt, weiss ich Ihre Arbeit zu schätzen.»


Sinneswandel

 

Ein paar Wochen später erreiche ich Richter Sise endlich am Telefon. Ich will von ihm wissen, was die Beweggründe hinter seiner Entscheidung waren. «Zunächst einmal wollte ich ihnen einfach die Möglichkeit bieten, die Gründe vorzutragen, wieso der Artikel 70 auch Sachen einschliessen sollte», sagte Sise. «Denn ich fand, dass sie letztendlich ein Recht auf einen Prozess haben. Ich sah diese Gruppe von Anwälten, die so viel in diese Sache investieren. Sie verdienen einen fairen Prozess, und sie verdienen es zumindest, zu hören, wie beeindruckt ich bin.»


Ich sage ihm, dass ich mir vorstellen könne, dass solche Fälle wohl eher selten auf seinem Tisch landeten. «Offensichtlich nicht», sagt er lachend. «Aber was juristische Fragen vor Gericht angeht, so ist dieser Fall ähnlich wie viele andere: Es geht darum, ob ein rechtmässiger Antrag aufgrund eines Artikels eingereicht wird oder nicht oder ob ein gewisser Artikel überhaupt zutrifft. Also kann ich sagen, dass die Analyse auf der juristischen Ebene zwar keine Neuigkeit war, das Thema aber schon.»

 

Die Tierschutzgruppe war auch mit den anderen beiden New Yorker Fällen erfolglos. Alle drei Richter entschieden, dass die Antragsteller schon bestehende Rechtsmittel im Tierrecht nutzen sollten. Richter Boniello vom State Supreme Court im Landkreis Niagara bezeichnete Wise’ Argumentation im Interesse von Kiko als «herausragend». Er räumte aber ein, dass er «nicht bereit sei, diesen Sinneswandel durchzumachen.»

 

Doch unter dem Strich verliessen Wise und seine Kollegen die erste Runde als Sieger. Denn sie haben alles, was sie brauchen, um nun mit ihren Fällen vor das Appellationsgericht gehen zu können.

 

Im Februar trafen sich die Anwälte von Nonhuman Rights Project in New York City. Gemeinsam arbeiteten sie an der Verfeinerung ihrer Strategie für die anstehenden Berufungen und entschieden über den nächsten Turnus von Klägern. In ein paar Wochen wird Wise wieder unterwegs sein und neue Fälle ausfindig machen: mehrheitlich solche von Schimpansen und ein paar Zirkuselefanten. Wise erzählt mir, dass die in Kalifornien ansässige Tierschutzorganisation PAWS in gewissen Fällen bereit sei, Elefanten aufzunehmen.

 

Bei einem Abendessen frage ich Wise, was er vom oft gehörten Standpunkt halte, dass es für Fälle wie Tommy schon genügend Formen der Wiedergutmachung gebe. Ob er manchmal darüber nachdenke, dass sein Kampf um die Rechte von Tieren wie Tommy eher symbolischer Natur sein könnte. Oder wie mir jemand gesagt habe: «Er ist ein Blender.» «Wen blende ich denn?», fragt Wise lächelnd. «Die Welt? Wofür? Also für die Tiere dürften die von mir geforderten Veränderungen kaum symbolisch sein.»

 

Ich erinnere Wise daran, dass auch er, der Kreuzritter gegen Speziesismus und die sogenannt gottgewollte Hierarchie, beschuldigt wurde, eine eigene Hierarchie geschaffen zu haben, indem er ausschliesslich hoch entwickelte Tiere als seine Klienten aussuche. Ich frage ihn, ob es für ihn auch infrage käme, Klagen im Interesse von Grünmeerkatzen, Schildkröten oder auch Ratten einzureichen.


«Ich kann diese Frage nicht beantworten», sagt er. «Ich kann hingegen sagen, wieso wir Tiere wie Tommy vertreten. Seit Jahren versuchen wir, zu verstehen, wie weit ihre kognitiven Fähigkeiten gehen. Wir können ohne zu zweifeln sagen, dass wir uns für jedes autonome Tier – egal welcher Spezies es angehört – vor Gericht einsetzen werden. Denn ein Tier, das autonom ist, erfüllt die Bedingung, Anspruch auf Rechte zu haben. Wir haben aber nie behauptet, dass Autonomie zwingend ist. Und während sich die öffentliche Debatte weiterentwickelt, werden die Leute vielleicht andere Gründe hervorbringen, basierend auf anderen Faktoren. Ich meine, wie autonom muss man denn wirklich sein? Schauen Sie sich die Menschen einmal an. Es gibt die sabbernden, unselbständigen Menschen und dann aussergewöhnlich autonome Individuen.»

 

Wise sagt, er wisse sehr wohl, dass ein positiver Gerichtsbeschluss im bestmöglichen Fall eine etwas angenehmere Form der Gefangenschaft bedeute. Hier gehe es aber um das höhere Ziel, eine klare Botschaft zu senden, und zwar diejenige, wie ungerecht es sei, überhaupt Schimpansen in Käfigen, Elefanten im Zirkus und Orcas in der SeaWorld gefangen zu halten.

 

In einer 2001 abgehaltenen Debatte mit dem Tierrechts-Aktivisten Peter Singer sagte ein Richter, dass man sich bei der Anpassung der Rechte für Tiere ausschliesslich auf Fakten stützen solle und nicht auf Intuition. «Vieles ist verloren», sagte der Richter, «wenn Intuition in einer logischen Argumentation angebracht ist.»

 

Aber in derselben Debatte behauptete der Richter auch, dass wir Menschen uns nicht für einzigartig hielten, weil wir uns auf Statistiken oder Studien stützten, sondern wir stützten uns auf «eine moralisch geleitete Intuition, die tiefer liegt als jegliche Vernunft, die stärker ist als jegliches logische Gegenargument». Und genau diese Irrationalität im Herzen des Menschen macht Wise Sorgen.

 

«Es sind diese grundlegenden Überzeugungen, über die ich mir nun schon seit Jahrzehnten Gedanken mache», sagt er, «es geht mir um den Richter, der entweder erkennt, dass sein Urteil davon geleitet ist oder nicht. Unsere Herausforderung ist es, dieses Vorurteil als solches zu enttarnen und unsere Fakten für sich sprechen zu lassen. Ich werde die Gerichte daher auch weiterhin davon überzeugen wollen, dass wir im Laufe der Geschichte schon mehrmals an diesem Punkt waren. Dass damals die Gegenargumente die Hautfarbe, das Geschlecht oder die Sexualität waren. Und dass genau solche Argumente uns schlimme Dinge tun lassen.»

 

Bürgerrechtsbewegung

 

Ähnlich wie bei anderen Bürgerrechtsbewegungen ist die Arbeit des Nonhuman Rights Project ein systematischer und durchgeplanter Angriff: eine unaufhörliche und wiederholte Formulierung der Beweise, bis irgendwann einmal andere Anwälte, Richter und die Gesellschaft das überwinden, was Wise als eine willkürliche Unterteilung der Spezies und ihrer Rechte bezeichnet.

 

Wise hat vielleicht noch nicht viele Siege vorzuweisen, aber er hat Geduld. Er sagt, er erwarte nicht, in nächster Zeit einen Fall zu gewinnen. «Für mich ist das ein 25-Jahre-Plan. Alle meine Bücher und Vorlesungen sind darauf ausgelegt, mir zu helfen, dieses Problem richtig anzugehen. Jetzt möchte ich den Rest meines Lebens im Gerichtssaal verbringen. Sollten wir verlieren, werden wir immer wieder Klagen einreichen, bis wir einen Richter gefunden haben, der nicht denkt, dass wir am Ende des Wegs angekommen sind. Unser Job ist es, so viele Beweise wie möglich zu sammeln, die dem Richter einen Sinneswandel erleichtern. Und wenn das einmal eintrifft, dann wird es riesig. Sonst würde ich nicht mein Leben dieser Sache widmen.»

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Cécile Maurer. Copyright «The New York Times» (
The Rights of Man and Beast. in: NYT vom 23.4.2014)

 

Experts Gather at Yale to Discuss whether Animals are People. in: 109: We Come From The Future 12/10/13

 

Schimpanse Tommy hat keine Menschenrechte. in: Berliner Zeitung vom 5.12.2014

 

Should Animals Have The Same Rights As People? in: Popular Science 16.12.2014

 

Legal Whac-A-Mole vom 2.1.2015

 

Update: Unexpected success in April 2015

 

Judge Recognizes Two Chimpanzees as Legal Persons, Grant them Writ of Habeas Corpus. NhRP 20.4.2015

 

Chimpanzees Could Be Treated As 'Legal Persons' For First Time in: The Dodo 21.4.2015

 

Chimpanzees Take A Huge Step Toward (Some) Human Rights. in: www.wired.com 21.4.2015

 

SUNY chimp case questions animal's right to freedom. in: Los Angeles Times 4.5.2015

 

Latest Update: Court eventually dismisses case in July 2015

 

Chimps in New York animal rights lawsuit to be retired from lab. in: Reuters 31.7.2015

 

Schimpansen vor Gericht. in: sueddeutsche.de 3.8.2015

 

Freiheit für Tommy! in GEO vom 21.12.2016