Zirkus

ROBBY im Circus Belly

Belly

 

In etwa fünfzig der insgesamt knapp 350 bundes-deutschen Zirkusunternehmen werden bis heute Wildtiere vorgehalten, bis vor wenigen Jahren üblicherweise auch Schimpansen (vereinzelt auch Orang Utans). Vor dem Hintergrund einer bundesministeriellen Leitlinie von 1990, die ein Ende der Haltung von Menschenaffen in Zirkussen und zirkusähnlichen Einrichtungen einforderte, verzichteten die einzelnen Unternehmen peu à peu auf die Mitführung von Menschenaffen (in der Regel freilich nicht ohne zusätzlichen öffentlichen Druck). Der "offiziell" letzte Zirkusschimpanse, der ~40jährige ROBBY, wird bis heute unter indiskutablen Bedingungen von dem im niedersächsischen Wietzendorf ansässigen und vorwiegend in Norddeutschland gastierenden Circus Belly gehalten und als Manegenclown eingesetzt.

 

Jahrelanges Engagement verschiedener Tierrechtsgruppen, ROBBY aus den Händen der Betreiberfamiklie des Circus Belly zu befreien, zeitigte keinerlei Erfolg. Die zuständige Landkreis Celle erteilte fortlaufend verlängerte Haltungsgenehmigungen. Vor dem Hintergrund anhaltenden Protestes wurde im Oktober 2015 die Haltungs-erlaubnis nicht mehr weiter verlängert, vielmehr wurde eine Abgabe ROBBYs an die Primatenschutzeinrichtung Stichting AAP in Holland verfügt.

 

Zirkusschimpanse ROBBY muss abgegeben werden

 

Jahrelanger Protest hat endlich zum Erfolg geführt: Schimpanse Robby, der dreieinhalb Jahrzehnte lang im norddeutschen „Circus Belly“ den Manegenclown hatte geben müssen, muß in eine Auffangeinrichtung abgegeben werden. Der 39jährige Robby gilt als „letzter Zirkusschimpanse Deutschlands“.

 

Sein ganzes Leben lang war Robby alle paar Tage von einer Stadt zur anderen gekarrt worden, wo er in der Manege des „Circus Belly“ immergleiche alberne Kunststücke vorführen musste. In einen lächerlichen Anzug gesteckt musste er auf einem kleinen Tretroller herumfahren oder Bälle jonglieren. Außerhalb der Vorstellungen wurde er in einem 12qm großen Zirkuswagen verwahrt, bei längeren Gastspielen wurde zusätzlich ein kleiner Freiluftkäfig für ihn aufgebaut. Robby hat zeit seines Erwachsenenlebens noch nie einen anderen Schimpansen gesehen.

 

Mit Amtsschreiben vom 19.10.2015 teilte der für den Zirkus zuständige und jahrzehntelang untätig gebliebene Landkreis Celle nunmehr mit, es habe an der „artungerechten Haltung des Schimpansen Robby im Zirkus ohne Artgenossen bereits in der Vergangenheit aus amtstierärztlicher Sicht keine Zweifel“ gegeben, auch würde eine „Haltungsgenehmigung heutzutage für vergleichbare Fälle nicht mehr erteilt werden.“ Lediglich der Umstand, dass es sich bei Robby um einen von Menschenhand aufgezogenen Schimpansen handle, der ohne arteigenen Kontakt seit mehr als dreissig Jahren in enger Bindung zur Zirkusfamilie lebe, habe die bisherige Haltungserlaubnis gerechtfertigt. Entgegen früherer Gutachten sei man nun aber zur Erkenntnis gelangt dass die „Erfolgsaussichten recht gut sind, ein dermaßen langjährig fehlgeprägtes Tier zu resozialisieren.“ Insofern sei „diesem Ansatz in Abwägung mit den auch durchaus bestehenden Risiken der Vorrang zu geben.“ Mit dieser Begründung ordnete Kreisveterinär Heiko Wessel die bis Ende des Jahres 2015  zu vollziehende Abgabe Robbys an eine „für die Resozialisierung von Schimpansen spezialisierte Haltungseinrichtung“ - gemeint ist die holländische Stichting AAP, die in Spanien ein Primatenrefugium unterhält - an.

 

Auch wenn Zirkusbetreiber Klaus Köhler gegen die Abgabeverfügung vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg klagte mit dem Argument, Schimpanse Robby sei zu alt für eine Zusammenführung mit anderen Schimpansen und müsse deshalb im Zirkus verbleiben dürfen, sind die Tage gezählt, in denen Robby zum Vergnügen des Publikums den Manegenclown geben musste. Für das aktuelle Gastspiel wurde bereits ein Auftrittsverbot verfügt.

 

Colin Goldner

TIERBEFREIUNG #89, Dez. 2015

 

Aktueller Nachtrag:

 

Bedauerlicherweise gelang es der Betreiberfamilie des Circus Belly, mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg die Verfügung des Landkreises Celle, ROBBY zum Jahresende 2015 an die Stichting AAP abzugeben, vorläufig außer Kraft zu setzen. Das Gericht hatte einem Antrag des Circus auf vorläufigen Rechtsschutz stattgegeben und die aufschiebende Wirkung der Klage angeordnet. Die Kammer stellte allerdings auch fest, dass insbesondere die Einzelhaltung des Schimpansen tierschutzwidrig sei und nicht den Vorgaben des „Gutachtens über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren “ und den „Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen“ genüge. Eine Fortnahme des Tieres aus dem Zirkus sei aber nach der gesetzlichen Regelung nur zulässig, wenn darüberhinaus eine erhebliche Vernachlässigung oder eine erhebliche Verhaltens-störung bei dem betroffenen Tier vorliege.

Der Spiegel 48/2015

Ob dies der Fall sei, muß nach Auffassung der Kammer im Hauptsacheverfahren geklärt werden. Bis dahin darf bzw. muß ROBBY weiterhin im Circus Belly verbleiben; Manegenauftritte bleiben indes bis auf Weiteres untersagt.

 

Die behördliche Abgabeverfügung zeitigte enorme Medienresonanz, zahlreiche regionale wie auch überregionale Medien berichteten darüber (während die jahrzehntelange Gefangenhaltung und Zur- schaustellung ROBBYs im Circus Belly zuvor niemanden interessiert hatte). Selbst der Spiegel brachte einen großaufgemachten Beitrag: Robby bleibt vorerst ein Zirkusaffe

 

Bezeichnendes Detail am Rande: Als "sachverständiger Gutachter" im Interesse des Circus Belly fungierte Michael Böer, hauptamtlicher Direktor des Zoos Osnabrück. Eine schiere Groteske, wie Claudia Goldner vom Great Ape Project in einem LeserInnen- brief an den Spiegel anmerkte.

Schwabenpark

 

Einen Sonderfall in der Schnittmenge zwischen Zirkus und Zoo stellt der sogenannte Schwabenpark Welzheim bei Stuttgart dar, ein Freizeitpark mit Achterbahnen und sonstigen Fahr- und Amusementbetrieben. Der Park hält bis heute und völlig legal eine größere Schimpansengruppe vor - tatsächlich die größte in Europa mit 43 Tieren -, deren regelmäßig nachgezüchtete Jungtiere in einem hauseigenen Zirkusprogramm eingesetzt werden. Der "Schwabenpark" entzieht sich den Maßgaben der Zirkusleitlinie mit dem Argument, diese bezögen sich nur auf "reisende" Unternehmen, zu denen man als Amusementpark nicht zähle.

 

In täglich bis zu drei Vorführungen müssen sechs bis acht der Schimpansen andressierte Lachnummern vorführen.  Die Tierrechtsorganisation PeTA wirft den Parkbetreibern vor, die Schimpansen als „Kassenmagnet” zu missbrauchen. Sie stelle sie in einer entwürdigenden und erniedrigenden Art zur Schau und untergrabe damit alle modernen Moralvorstellungen wie auch Arten- und Tierschutzziele. Kindern werde ein völlig falsches Bild von Menschenaffen vermittelt.

 

In einer 10-monatigen Undercover-Recherche (4/12-2/13) dokumentierte die Tierrechtsorganisation Animal Equality die massiert auftretenden Verhaltens-auffälligkeiten und Symptome psychischer Störungen bei den Schwabenpark-Schimpansen.  In umfangreichem Foto- und Videomaterial wurden die katastrophalen Verhältnisse sowohl in der Haltung bzw. Unterbringung als auch der zirzensischen Dressur der Schimpansen (und anderer im Park vorgehaltener Tiere) belegt.

Lachnummer im Schwabenpark

Die als Gutachterin beigezogene Psychologin Stacy Lopresti-Goodman von der Marymount University in Arlington/USA, die sich seit Jahren mit der Rehabilitation von Schimpansen aus Zirkus-, Zoo- und Laborhaltung befasst, sieht die Ursachen dieser Störungen in der Trennung der Schimpansenbabies von ihren Müttern, in den unzureichenden Unterbringungsverhältnissen, denen jede kognitive Bereicherung fehlt, in der Konditionierung auf widernatürliches Verhalten und in der andauernden Präsenz von Menschen sowieder ständigen Interaktion mit ihnen.Interessant sind auch die Beobachtungen des renommierten Verhaltensbiologen Marc Bekoff von der University of Colorado, dessen Beurteilung zufolge zwischen den Tieren und den Parkbetreibern, die zugleich als "Tiertrainer" tätig sind, „düstere und von Missbrauch gezeichnete Beziehung“ zu erkennen sei („It is clear that there is a dark and abusive relationship between the animals and their ‘caregivers’ at the facility“). Schimpansen, die darauf dressiert würden, unnatürliche und entwürdignde Tricks vorzuführen, leisteten den Menschen „nur unter Zuhilfenahme von Bestrafungen, Dominanz und Isolation“ Folge. Konsequenterweise ruft Bekoff dazu auf, „diese trostlose Einrichtung zu boykottieren („I urge the public to boycott this dismal facility“). Weitere Gutachten international anerkannter Experten fallen für den Schwabenpark nicht weniger verheerend aus. Zusammenfassend fordern die Aktivisten von Animal Equality, die Schimpansen in ein nicht-kommerzielles, nicht-züchtendes Reservat zu verbringen, wo sie ihre verbleibende Lebenszeit verbringen können, ohne ständig von Besuchern begafft und/oder in entwürdigenden Zirkusshows ausgebeutet zu werden. Sofern sie in bestehenden Reservaten, wie etwa dem Schutzgebiet von Stichting AAP in Spanien, aus Platzmangel nicht aufgenommen werden könnten, seien entsprechende Refugien einzurichten, deren Kosten diejenigen zu tragen hätten, die für die tragische Situation der Schimpansen verantwortlich seien: der Schwabenpark selbst wie auch die öffentliche Hand (Gemeinde, Land, Bund), deren Repräsentanten die Ausbeutung der Tiere über Jahrzehnte hinweg zugelassen haben. Gegen einen Weiterbetrieb des Schwabenparks ohne Tiere bestehe keinerlei Einwand.

Schuhplatteln mit Sepplhut

Vor dem Hintergrund massiver öffentlicher Kritik an der Schimpansenhaltung des Schwabenparks und drohender behördlicher Auflagen zu zahlenmäßiger Rückführung des Tierbestandes wurden im Frühjahr 2012 vier Tiere an den „Arche Noah-Park“ Grömitz abgegeben. Zudem hat der  Schwabenpark zur Saison 2013 einige Klettergerüste und Futter-/Labyrinthkästen in die Freigehege eingebaut, dazu wurden einige der besonders entwürdigenden Elemente der Schimpansenshow gestrichen. An den katastrophalen Unterbringungsverhältnissen in den Innenkäfigen hat sich nichts geändert.

 

Die Forderung nach Absetzung der Shows wird von der Parkleitung seit je zurückgewiesen: keines der Tiere sei verhaltensgestört, keines werde ausgebeutet. Unterstützung erhält der seit 1972 bestehende und aus Steuergeldern subventionierte Park traditionell durch das zuständige Landratsamt.

 

Aktueller Nachtrag: Laut Mitteilung der Parkbetreiber von August 2012 sollen sämtliche gebärfähigen Schimpansinnen Verhütungsimplantate eingesetzt bekommen, so dass es „Nachwuchs im Schwabenpark in Zukunft nicht mehr geben“ werde. Die Shows sollen gleichwohl fortgesetzt werden, Parkbetreiber Hudelmeier beruft sich dabei, unterstützt von lokalen Politikern, die um Gewerbesteuereinnahmen bangen, ausdrücklich auf Bestandsschutz. Ein Mitte September 2012 im Auftrag der baden-württembergischen Landesregierung erstelltes Gutachten bestätigt die unzureichende Grundfläche der Innengehege – die (in sich völlig ungenügenden) Minimalbestimmungen des bundesministeriellen Säugetiergutachtens von 1996 werden in den sechs Abteilen um Größenordnungen zwischen 41 und 84 Prozent [!] unterschritten - sowie die mangelnden Kletter- und Rückzugsmöglichkeiten; die Einrichtungen zum Tiermanagement seien unzulänglich, es gebe weder Sicherheitsschleusen noch existiere ein Notfallplan; auch eine Quarantäne- bzw. Krankenstation gebe es nicht. Die geübte Praxis der „Handaufzuchten“ wird nachdrücklich kritisiert, ebenso die isolierte Haltung von Schimpansenkindern in einer völlig unzureichenden Bretterbude. Gleichwohl vermochte der als „Gutachter“ beigezogene Tierpfleger Jan Vermeer, vormals Betreiber eines Affenzoos in Frankreich sowie Pächter des 2011 pleitegegangenen ZooPark Metelen bei Münster, keine Verhaltensstörungen bei den Schimpansen erkennen (was weiter nicht verwundert, da er selbst äußerliche Läsionen großzügig übersah). Bei den Showvorführungen werde seinem Eindruck zufolge kein Zwang ausgeübt, den, wie er in völliger Verkennung einschlägiger Dressurpraktiken behauptet, sich größere Tiere auch gar nicht gefallen ließen („Especially the larger animals would not accept any pressure from the trainers...“). Die entscheidende Frage, ob die Tiere durch die Teilnahme an den Shows (psychischen) Schaden nähmen, lässt er offen. Hinsichtlich der Frage, ob die Shows aus ethischer Sicht überhaupt (noch) vertretbar seien, schreibt er: „Ich denke nicht, dass es im Jahre 2012 noch ethisch ist, eine Show mit Menschenaffen zu zeigen, die tanzen, auf einem Dreirad fahren, Tennis oder Basketball spielen. (...) Tiere in einer Art zu zeigen, wie der Schwabenpark dies tut, ist für sie entwürdigend und zeigt in keiner Weise, wie großartig und intelligent sie sind, und wie ähnlich uns Menschen. Die Shows reduzieren die Schimpansen zu Clowns, eingesetzt zum Vergnügen der Menschen.“ Die Shows sollten beendet bzw. ersetzt werden durch Darbietungen mit „Bildungscharakter“. Im Übrigen, so Vermeer, solle der Schwabenpark behördlich verpflichtet werden, seinen Tierbestand weiter zu reduzieren (sprich: eine signifikante Zahl an Schimpansen an akzeptable andere Zoos abzugeben) und konsequent auf Nachzucht zu verzichten (wofür seitens des Parks bislang nur unverbindliche Absichtserklärungen vorliegen). Für die verbleibenden Tiere solle bis zur Saison 2018 [!] sichergestellt werden, dass die (völlig unzureichenden) Anforderungen des bundesministeriellen Säugetiergutachten von 1996 zu Größe und Ausstattung der Innengehege erfüllt würden.  Ob und in welcher Form dem Schwabenpark auferlegt wird, die festgestellten Mängel zu beseitigen, blieb völlig offen.

 

Aktuell werden die Schimpansenshows - geringfügig modifiziert - fortgesetzt (Stand 8/2016)

vgl. CDU/CSU-Fraktion setzt ihre (wild)tierfeindliche Politik fort. in: Zirkus in Berlin v. 25.3.2011