Allwetterzoo Münster

Betonierter 70er Jahre-Albtraum

Der Münsteraner „Allwetterzoo“

Am 2. Mai 1974 öffnete eines der scheußlichsten Betonmonster der an vergleichbaren Monstrositäten nicht eben armen 70er-Jahre-Republik seine Pforten: der schönfärberisch als „Allwetterzoo“ bezeichnete  „neue Zoo“ der Stadt Münster.

Schon seit 1875 hatte es in Münster einen Zoologischen Garten gegeben, der indes Anfang der 1970er an den Stadtrand ausgelagert werden mußte. Begründet worden war der „alte Zoo“ auf Initiative des Theologen und Heimatdichters Hermann Landois (1835-1905),.der sich neben seinem Theologiestudium auch mit Vogel- und Insektenkunde befasst hatte. Seiner Neigung zu Hochprozentigem wegen aus dem Priesteramt entlassen berief er sich selbst zum ersten Direktor. Seine deutschtümelnde Idee, ausschließlich Tiere der heimischen Fauna zu präsentieren, wurde allerdings schnell aufgegeben: bald schon verfügte der Zoo über Exoten aller Art.

Schon ab 1879 gab es unter der Regie Landois’ Konzert-, Varieté-, Theater- und Zirkusvorstellungen, selbst Sportwettkämpfe fanden im Zoo statt; regelmäßig wurden, wie in vielen anderen Zoos auch, sogenannte „Völkerschauen“ veranstaltet, bei denen Nubier, Sudanesen, Samoaner, auch australische Koori oder „Buschmänner aus Deutsch-Ostafrika“ vorgeführt wurden. Erst Ende der 1920er wurden die „Völkerschauen“ in Münster eingestellt.

Die Jahre nach dem ersten Weltkrieg stagnierte der Zoobetrieb, für einige Zeit stand er kurz vor der Auflösung. Neuen Aufschwung erhielt er erst wieder ab Mitte der 1920er durch steuerliche Freistellung und Bezuschussung aus öffentlichen Mitteln. Bei schweren Bombardements gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die meisten Zoogebäude zerstört, kaum ein Tier überlebte. Schon im August 1946 wurde der Zoo indes wiedereröffnet und Schritt für Schritt mit neuen Tieren bestückt; die meisten wurden über berüchtigte Ahlener Tierhandelsfirma Ruhe angekauft, die jedes gewünschte Tier aus Afrika oder Fernost importierte. Im Jubiläumsjahr 1950 hielt der Zoo schon wieder mehr als 400 Tiere aus 140 Arten vor, darunter mehrere Affen, zwei Löwen, einen  Eisbären und einen Elefanten; kurze Zeit später kamen Leoparden, Tiger, Paviane, Gibbons und Schimpansen hinzu.

Der Wiederaufbau setzte sich bis in die 1960er hinein fort,  als 1967 völlig unerwartet das Aus kam: Die Westdeutsche Landesbank war auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück für einen Verwaltungsneubau an die Stadt Münster herangetreten, die ihr letztlich das zentral in der Stadt gelegene Gelände des Zoos anbot; dieser sollte im Gegenzuge ein fast fünfmal so großes Areal am Rande der Stadt erhalten.

Ab 1969 wurde auf dem knapp 24 Hektar großen Gelände eine neue Zooanlage aus dem Boden gestampft. Die veranschlagten Baukosten von 28 Mio Mark wuchsen sich letztlich auf 41 Mio aus. Zum Jahresende 1973 wurde der „alte“ Zoo aufgelöst, die Tiere zogen in den mittlerweile fertiggestellten „neuen“ Zoo um. Dieser war komplett in Sichtbetonbauweise erstellt worden, sozusagen „aus einem Guß“, wie seinerzeit schon spöttisch angemerkt wurde. Als Besonderheit wurde ein etwa 1km langes Teilstück des  Besucherrundweges überdacht, so dass der Zoo auch bei schlechtem Wetter ohne Regenschirm besucht werden kann (daher die Bezeichnung „Allwetterzoo“).

 

Seit 2002 befindet sich auf dem Zoogelände das „Westfälische Pferdemuseum“, das auf 1000qm Ausstellungsfläche die „Natur- und Kulturgeschichte des Pferdes“ zu präsentieren vorgibt. Tatsächlich werden Pferde nicht nur als universell einsetzbare „Nutztiere“ vorgestellt, sondern vor allem als „Sportgeräte“: eine eigene Abteilung „gibt einen Überblick über die vielen Disziplinen, die den Reitsport so faszinierend machen“ (vor allem in der Region Westfalen, die sich mit mehr als 500 Reitvereinen als „Hochburg des Pferdesports“ versteht). Jede Menge Goldmedaillen und Filmausschnitte sind zu besichtigen, die von „Erfolgen und Ruhm“ der westfälischen Reiterschaft berichten. In einer angeschlossenen „Arena“ werden regelmäßig Pferdeshows - einschließlich Zirkus- und sonstiger Dressuren - vorgeführt.

 

Seelenloses Betonmonster

 

In weiten Teilen entspricht der „Allwetterzoo Münster“ bis heute der Kritik, die schon zu seiner Eröffnung im Jahre 1974 gegen ihn vorgebracht wurde: nämlich ein tierfeindliches, seelenloses Betonmoster zu sein. In der Tat macht der von Bernhard Grzimek mitgeplante Retortenzoo einen ausgesprochen unwirtlichen Ersteindruck  - der Eingangsbereich ist bis heute eine einzige Betonwüste -, der sich auch im Verlaufe des Rundganges nicht wirklich löst: viele der Betonkästen, die in den frühen 1970ern als Gehegebauten erstellt wurden, stehen unverändert heute noch da, allenfalls farbig angestrichen oder kaschiert mit davorgesetzten Bäumen, Sträuchern und Rankgewächsen. Die Behauptung des Zoos, sein Bild habe sich über die Jahre hinweg „grundlegend gewandelt“, er sei längst „grün“ geworden, ist grotesk.

Während es Schimpansen bereits im „alten“ Zoo gab, kamen Gorillas und Orang Utans erst mit der Eröffnung des „neuen“ Zoos 1974 dazu. Sie wurden unter beengtesten Verhältnissen in einem eigens für sie errichteten „Menschenaffenhaus“ untergebracht, einem vollverfliesten Betonbunker, der bis heute unverändert genutzt wird. Die Orang Utans konnten im Jahre 2000 in einen als  „ZoORANGerie“ bezeichneten neuen Gehegebau umziehen, der auf dem Betonfundament des abgerissenen Eisbärengeheges errichtet worden war. Der über ein transparentes Foliendach tageslichterhellte Innenraum des neuen Orang Utan-Hauses vermittle durch seine „üppige Begrünung“, wie es in einer Werbeverlautbarung des Zoos heißt, „Dschungelfeeling in Westfalen“. Ob die Besucher tatsächlich von solchem „Feeling“ erfasst werden, steht dahin. Die Orang Utans jedenfalls - derzeit werden sechs Tiere vorgehalten -  haben von der „üppigen Begrünung“ des Hauses überhaupt nichts: ihr gerade einmal 150qm großes Gehege ist auf drei Seiten von meterhohen künstlichen Felswänden und zur Besucherseite hin durch einen steil abfallenden Wassergraben begrenzt (der, obgleich mehrfach schon Orang Utans in derartigen Gräben ertrunken sind, keine ausreichende Rettungsvorrichtung aufweist). Der Boden des Geheges ist teils besandet, teils mit Holzschnitzeln bzw. Rindenmulch bedeckt. An Ausstattung finden sich die zooüblichen Totholzklettergerüste, Seile und Hängematten. Im Eingangsbereich findet sich ein gefliestes Betonbecken für nordatlantische Kegelrobben, die in regelmäßig stattfindenden Dressurshows vorgeführt werden, direkt daneben ein weiteres Becken für südafrikanische Brillenpinguine. Welcher Bildungs- oder sonstige Anspruch damit verfolgt wird, die Orang Utans zusammen mit Tieren völlig anderer Art und Herkunft zu präsentieren, erschließt sich nicht.

Auch das etwa 500qm umfassende Außengehege der Orang Utans ist mit Betonwänden in Felsoptik umgeben und zur Besucherseite hin durch einen Wassergraben begrenzt. Das Gelände weist Naturboden, künstliche Felsformationen und Totholz auf, Lebendbäume sind elektrisch verdrahtet, um ein Emporklettern der Affen zu verhindern.

 

Die Gorillas sind nach wie vor im „Menschenaffenhaus“ von 1974 untergebracht, das sich, im Gegensatz zur „ZoORANGerie“, noch nicht einmal darum bemüht, eine Illusion von „Regenwald“ zu vermitteln (bis 2000 waren hier auch die Orang Utans und bis Juli 2014 eine mittlerweile nach Magdeburg abgegebene Gruppe Schimpansen untergebracht). Der zusammen mit einigen Erweiterungsbauten heute als „Affricaneum“ bezeichnete Betonkasten weist mehrere ineinander übergehende Gehegeabteile auf, die zur Besucherseite hin mit Panzerglasscheiben und zur Rückseite hin mit einer Gitterwand versehen sind.

Die Böden, desgleichen die erhöhten Sitzpodeste, bestehen aus nacktem Beton, an Ausstattung finden sich ein paar Stahlrohrklettergerüste, Seile und Hängematten. Zusätzlich steht den derzeit sieben vorgehaltenen Gorillas seit 2003 ein als „Wintergarten“ bezeichneter Anbau zur Verfügung, der zur Besucherseite hin mit einer großflächigen Panzerglasfront versehen ist; Versteck- oder Rückzugsmöglichkeiten bietet dieser Anbau ebensowenig wie die sonstigen Gehege des „Affricaneums“ (zu denen auch ein paar winzige Abteile zählen, in denen Mangaben, Varis und Kattas vorgehalten werden.) Seit 2003 gibt es für die Gorillas zudem eine relativ großzügige Außenanlage, die auf den ersten Blick einen durchaus „naturnahen“ Eindruck erweckt; bei näherer Hinsicht zeigt sich indes, dass sämtliche Bäume auf dem Areal, desgleichen die entlang des Begrenzungsgrabens angepflanzten Bambus- und sonstigen Stauden, mit stromführenden Weidezaundrähten gesichert sind und daher für die Tiere keinerlei Nutzen haben.

 

Säugetiergutachten

Im Mai 2014 wurde die überarbeitete Version des bundesministeriellen Säugetiergutachtens vorgestellt, das die Haltung von Säugetieren in Zoos regelt. Schon im Vorfeld der Verabschiedung war den Zoos klargeworden, dass trotz des vehementen Widerstandes der an der Überarbeitung beteiligten Zoodirektoren die für die Haltung von Menschenaffen vorgegebenen Gehegeflächen erheblich erweitert werden würden. (Während Menschenaffen bislang ein Innen- sowie ein Außengehege mit einer Grundfläche von je 25qm für bis zu zwei Tiere plus zusätzliche 10qm für jedes weitere Tier zugestanden worden war - für eine vierköpfige Gorillagruppe ein Innenraum von gerade einmal 45qm -, sehen die neuen Vorgaben für Gorillas Innen- und Außengehege von je 200qm für eine vierköpfige Gruppe plus 30qm für jedes weitere Tier vor. Ähnlich erweitert wurden die Vorgaben auch für Schimpansen. Die Zoovertreter hatten für eine dreiköpfige Gorilla- bzw. Schimpansengruppe im Innen- und Außenbereich je 70qm plus 10qm für jedes weitere Tier, sprich: 80qm für vierköpfige Gruppen gefordert.) Für den Zoo Münster bedeuteten die Vorgaben des neuen Säugetiergutachten ein unlösbares Problem, da an den viel zu kleinen Innengehegen des Beton-„Affricaneums“ – den Schimpansen standen darin rund 100qm, den Gorillas rund 60qm plus „Wintergarten“ zur Verfügung – keine baulichen Erweiterungen möglich waren. Man entschied sich letztlich dafür, die Schimpansenhaltung komplett aufzugeben: die acht Tiere wurden Anfang Juli 2014 an den Zoo Magdeburg überstellt, der aus nämlichem Grunde wir der Zoo Münster in Konflikt mit den neuen Vorgaben geraten war. Die bisherige Haltung zweier Schimpansen in einem hierfür völlig ungeeigneten Gebäude ohne Außenanlage wäre nicht länger hinnehmbar gewesen. Magdeburg baute mit enormem Kostenaufwand – 3,2 Mio Euro, großenteils aus Steuermitteln - eine neue Schimpansenanlage, in die die Münsteraner Gruppe überführt wurde. Der freiwerdene Platz im Münsteraner „Affricaneum“ soll den derzeit sieben Gorillas zugeschlagen werden, um die bundesministeriellen Vorgaben zu erfüllen (gegen die in mehr als der Hälfte der 38 deutschen Zoos, in denen große Menschenaffen zur Schau gestellt werden, verstoßen wird).

 

Groteskerweise findet sich ausgerechnet in dem Betonbunker, in dem die Gorillas untergebracht sind, eine Plakatwand mit der Aufforderung an die Besucher, die eigene Ernährung zu überdenken: „Achten Sie beim Kauf von Fleisch auf die Herkunft! (...) Fragen Sie beim Metzger in Ihrer Nähe nach der Herkunft des Fleisches. Kaufen Sie Fleisch aus der Region“. Und als Gipfel der Groteske: „Verzichten Sie weitgehend auf Sojaprodukte!“, die, so der mitgelieferte Subtext, schuld seien an der Zerstörung des Regenwaldes und damit dem Aussterben der Großen Menschenaffen. Es versteht sich, dass die Angebote des Zoo-Restaurants, wie in allen Zoos der Republik, extrem fleisch- und wurstlastig sind.

Auch Erfreuliches gibt es aus dem Münsteraner Betonzoo zu berichten: Vor dem Hintergrund der konsequenten Öffentlichkeitsarbeit verschiedener Tierrechtsgruppen wurde die katastrophale Haltung von Delfinen Anfang 2013 eingestellt.

 

JONNY, GANA, SAKINA …

Bezeichnend für die Gefangenhaltung Großer Menschenaffen im Münsteraner Betonzoo  ist die Tragödie um Orang Utan JONNY, der, geboren 1972 im Kölner Zoo, im Alter von 14 Jahren nach Münster gekommen war. Er lebte vierzehn Jahre lang unter beengtesten Verhältnissen in dem als „Menschenaffenhaus“ bezeichneten Betonbunker, bis er im Jahre 2000 in die neugebaute „ZoORANGerie“ umziehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits – vermutlich aufgrund falscher Ernährung – zehn Backenzähne verloren. Zudem hatte er sich eine chronische Lungenentzündung und einen massiven Nierenschaden zugezogen. Unter großen Schmerzen vegetierte JONNY noch weitere neun Jahre vor sich hin. Bei einer erneuten OP im Mai 2009, bei der ihm weitere vier Zähne gezogen wurden, verstarb er noch in der Narkose. Die Obduktion im Primatenzentrum Göttingen zeigte, dass nicht nur sein Gebiß sondern auch sein linker Lungenhauptlappen stark vereitert waren. In einer Mitteilung des Zoos hieß es ebenso lapidar wie zynisch, JONNY „wurde in den letzten Jahren zunehmend lethargischer, fraß nicht mehr gut und bewegte sich zeitweise schwerfällig. Ihm fehlte wohl die Luft.“

Eine endlose Leidensgeschichte ist auch die Haltung von Gorillas im Zoo Münster: bis 2010 lebte hier Gorilladame GANA; sie nahm, nicht selten in Zoogefangenschaften, ihr erstes Kind MARY ZWO nicht an, das man deshalb zur Aufzucht in den Zoo Stuttgart verbrachte. Ihr zweites Kind CLAUDIO starb an einer mysteriösen Darmentzündung, tagelang trug sie das tote Baby mit sich herum. Sie brachte ein drittes Kind zur Welt, CLAUDIA, starb aber aus ungeklärtem Grunde selbst ein halbes Jahr später; auch dieses Kind kam zur Aufzucht nach Stuttgart. Nach dem Tod GANAS bemühte man sich um ein „neues zuchtfähiges Gorilla-Weibchen“ und holte letztlich die im Durell Zoo auf der Kanalinsel Jersey geborene SAKINA nach Münster. Nach massiven Problemen mit Silberrücken N’KWANGO wurde sie isoliert und ein Jahr später an den holländischen Zoo Kerkrade verschubt. wo sie kurz darauf starb. Der Zoo Münster holte sich als Ersatz Gorilladame SHASHA aus dem Hawletts Zoo in England, mit der fröhlich „weitergezüchtet“ wurde…

 

Colin Goldner

Tierbefreiung #84, Oktober 2014